Widerstand im Team nutzen

Ein dekorativer Spiegelrahmen spiegelt ein Fenster mit einer Holzablage, auf der eine Kaffeemühle, Geschirr und Eier stehen.

Widerstand im Team nutzen: Wie du durch einen Blickwechsel Blockaden in Lösungen verwandelst

Kennst du diese Momente, in denen du am liebsten das Handtuch werfen würdest? Wenn im Meeting die Blockadehaltung so groß ist, dass kein Durchkommen mehr möglich scheint? Oder, wenn du als pädagogische Fachkraft vor einem Kind stehst, das dich mit einem trotzigen „Nein“, trotz mehrfacher Erklärung deinerseits, gefühlt nur mehr an die Wand drückt?

In solchen Momenten fühlen wir uns oft klein, oft sogar ohnmächtig. Wir wollen „reparieren“, damit es endlich wieder läuft, und wir wissen nicht, wie.

Im Dezember haben mich zwei Tage besonders darin erinnert, genau in diesen Momenten der Ohnmacht die größte Kraft zu finden: Der 2. Dezember, der Tag der Inklusionspädagogik, und der 5. Dezember – der Geburtstag von Milton H. Erickson. Wenn du dich jetzt fragst, „Wie bitte? Was hat das damit zu tun?“, lass dich überraschen ☺.

Der Junge, der den Sonnenaufgang im Spiegel suchte

Stell dir einen 17-jährigen Jungen vor. Über Nacht wird er durch Kinderlähmung fast vollständig gelähmt. Genau das passierte Milton Erickson. Er konnte nur noch seine Augen bewegen. Die Ärzte sagten seiner Mutter, er würde den nächsten Morgen nicht überleben…

In dieser – vorhergesagt – letzten Nacht, einer Nacht der gefühlt absoluten Ohnmacht, tat Erickson etwas, das mein Verständnis von Führung maßgeblich beeinflusst hat: Er bat seine Mutter, den Spiegel so zu drehen, dass er den Sonnenaufgang sehen konnte.

Er konnte seine Arme nicht bewegen, und doch konnte er entscheiden, wohin er seinen Blick richtete.

Erickson überlebte. Nicht, weil er gegen seinen Körper kämpfte, sondern weil er anfing, das zu nutzen, was noch da war. Er beobachtete seine Schwestern beim Gehen Lernen und nutzte diese kleinsten Beobachtungen, um seine eigenen Muskeln durch seine reine Vorstellungskraft wieder zu beleben.

Bereits als ich zum ersten Mal diese Geschichte von Veronika und Ralph hörte, war ich zu Tränen gerührt. Und auch jetzt, wenn ich sie aufschreibe, läuft mir Gänsehaut über den Rücken. Denn sie zeigt, wir müssen niemanden ‚begradigen‘, damit er in ein System passt. Manchmal müssen wir nur helfen, den Spiegel zu drehen, um das Licht wieder zu sehen.

Die Giraffe: Warum wir das Raster weiten müssen

Das bringt mich zum Thema Inklusion. Oft denken wir bei Inklusionspädagogik an „Förderpläne“ und „Defizite“. Aber für mich ist das der Moment, in dem wir die Giraffe auspacken.

Moment. Die Giraffe? Ja, du wirst gleich verstehen, wie ich das meine.

Wir nutzen gerne das Symbol der Giraffe aus der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenberg, weil sie das größte Herz von allen Landtieren hat. Und durch ihren langen Hals hat sie den Überblick: Sie sieht über die Zäune der Normen hinweg. Sie sieht nicht das „falsche“ Verhalten, sondern das Bedürfnis dahinter.

Wenn wir Inklusion – egal ob in der Schule oder im agilen Team – wirklich ernst meinen, dann bedeutet das:

Wir müssen aufhören, Menschen in Kisten pressen zu wollen, damit sie in unser Raster, in das scheinbar „normale“ Raster oder auch einfach nur das meist gesellschaftlich anerkannte Raster passen. Wir müssen stattdessen das Raster so weit machen, bis jeder Platz hat.

So ergibt auch Widerstand plötzlich Sinn

Wenn eine Kollegin alles blockiert oder ein Kind gefühlt nur mehr rebelliert, dann ist das keine böse Absicht. Es ist pure Energie. Da ist jemandem etwas so verdammt wichtig, dass er bereit ist, dafür in den Krieg zu ziehen. Hinter jedem harten „Nein“ steht ein leises – und sehr entschlossenes – „Ja“ zu etwas anderem: Zum Schutz vor einer Gefahr, die wir (noch) nicht sehen können.

Dein Experiment: Die 2-Minuten-Pause vor dem Sturm

Wenn es das nächste Mal hakt, probiere das hier aus:

  1. Halte deinen Atem an (Der Erickson-Moment): Wenn der Widerstand kommt, geh einen Schritt zurück. Schau dein Gegenüber an und frag dich innerlich: „Welche unglaubliche Energie und Kraft investiert dieser Mensch gerade in sein Nein? Was ist ihm so wichtig, dass er so kämpft?“ Und vielleicht gelingt es dir sogar, das anzuerkennen. Denn wenn es ihm bereits egal wäre, würde dein Gegenüber dafür sicher keine Energie mehr aufbringen.

  2. Die Giraffen-Frage: Statt zu sagen „Hör auf damit“, sage (oder denke): „Ich sehe, dass dir gerade etwas sehr wichtig ist. Wovor möchtest du dich/mich/uns schützen, das ich noch nicht sehen kann?“

Das Licht, das wir teilen

Milton Erickson hat gezeigt, dass wir aus der totalen Starre heraus Welten bewegen können. Und Inklusion erinnert uns daran, dass wir am menschlichsten sind, wenn wir die Vielfalt nicht nur aushalten, sondern sie als Schatz begreifen.

Vielleicht spürst du gerade diesen Moment der Rührung. Das ist das Zeichen, dass deine Giraffen-Ohren offen sind. Nimm dir einen Keks, atme tief durch und sei stolz auf dich. Denn du kannst die Person sein, die den Spiegel dreht.